Veröffentlichung neuer Studie von Alexander Dolge!
9. Juni 2026, von Anke Ellegast
Was haben Gehirnwellen mit der Fehlerverarbeitung zu tun? Dieser Frage sind wir in unserer neu veröffentlichten Studie nachgegangen und haben untersucht, wie Menschen mit und ohne Zwangsstörung (OCD) Fehler verarbeiten und wie sie ihre Reaktion je nach Aufgabeninstruktion, die den Fokus entweder auf Tempo oder auf Genauigkeit legt, anpassen. Dafür haben wir Verhaltensdaten und sogenannte Oszillationen, also aus dem EEG-Signal extrahierte Frequenzbänder („Gehirnwellen“), wie Theta (4-8 Hz) und Delta (1-4 Hz) im Zusammenhang mit falschen und richtigen Antworten aus einer Reaktionsaufgabe (Flanker Task) ausgewertet. Dabei steht bspw. das Theta-Frequenzband in starker Verbindung mit der Gehirnfunktion der kognitiven Kontrolle, die wiederum bei Menschen mit Zwangsstörung im Verdacht steht, verändert zu sein und besonders stark nach Fehlern aktiviert wird.
Die Ergebnisse zeigen: Unter der Geschwindigkeitsinstruktion verläuft die Fehlerverarbeitung, sowohl behavioral als auch neuronal, bei Menschen mit Zwangsstörung insgesamt etwas anders als bei der Kontrollgruppe – sie reagieren generell genauer, aber auch langsamer, wobei die Instruktion klar auf Geschwindigkeit und Effizienz abzielt. Gleichzeitig zeigen sich in der Geschwindigkeitsbedingung Unterschiede in der präfrontalen Gehirnaktivität, die das kognitive Kontrollnetzwerk widerspiegeln. Die Theta- und Deltaaktivität deutet darauf hin, dass der Einsatz kognitiver Kontrolle nach Fehlern bei Menschen mit OCD weniger flexibel vonstattengeht, also weniger selektiv zwischen den beiden Instruktionen je nach Ziel („Tempo“ vs. „Genauigkeit“) variiert, als bei unbetroffenen Personen.
Unsere Daten legen außerdem nahe, dass Gruppenunterschiede in der sogenannten Konnektivität, also dem neuronalen Informationsaustausch, zwischen medialen und lateralen Bereichen im Frontallappen mit dem erhöhten Einfluss kognitiver Kontrolle zusammenhängen – und damit mit der erhöhten Genauigkeit der Menschen mit OCD unter Zeitdruck. Insgesamt unterstützen die Befunde die Annahme, dass bei Zwangsstörung nicht nur die Fehlerverarbeitung selbst beeinflusst ist, sondern auch die Fähigkeit, die eigene Reaktion im Hinblick auf Fehler situationsgemäß zu steuern. Damit liefert die Studie neue Hinweise darauf, welche Hirnmechanismen für erhöhte kognitive Kontrolle und reduzierte Flexibilität bei der Fehlerverarbeitung verantwortlich sein könnten.
